Berghain

Es ist 10 Uhr Morgens. Grauer Himmel steht über Berlin und hässlich kalter Wind weht durch dessen großräumiges Straßenwerk. In der Eingangshalle ist es semi-warm. Ein leichter Zug durchschleicht den Raum, in dem sich Menschen tummeln. Vor der Garderobe flattern sie, geben oder holen Sachen ab und ziehen sich um. Es gibt viel unisexe Nacktheit zu sehen.

Ich hab bereits 7 Stunden Tresor hinter mir. Es ist mein erstes Mal dort. Als ich im Berghainflloor ankomme, sticht mir sofort die F1 ins Auge. Den Raum find ich größer als erwartet. Der Decken-Bodenabstand beträgt fast 20 Meter und die Meute tanzt. Es ist sehr voll, wenn man bedenkt, dass der Tresor schon halb leer war, als ich ihn verließ. Ein Blick nach rechts lässt mein Augenwerk entlang der Säulen hinauf zur hohen Decke gleiten. Zwischen ihnen tanzt zartes durchsichtiges Glas mit der dezenten Lichtkunst des Floors. Hinter ihm befindet sich die Bar. Der Club befindet sich in einem Bauwerk aus der kommunistischen Zeit, obwohl es mich an einen Nazibau denken lässt. Hinter der Bar schießen die rechteckigen Säulen gen Himmel, die man von außen sieht. Das Glas dazwischen ist schwarz gefärbt. Man hat das Gefühl, draußen wäre Nacht.

Die Tanzenden schweben in Ekstase. Oder ist das nur Schein? Oder Beides? Das Bild von der Garderobe setzt sich fort: Nacktheit. Schwarzen String und B-H, Netzstrumpfhose seh ich sehr häufig. Ab und zu kommt ein komplett entblößter Mann oder eine Frau mit nackter Brust vorbei.

Der Klang der F1 ist hervorragend. Es ist das beste Klangbild von elektronischer Musik, das ich bisher vernommen hab. Selbst andere von mir besuchte Indoors oder Festivals mit ner F1 kamen da nicht ran. Gleich am Anfang nach der Treppe, 5 Meter vor dem ersten Turm der Soundanlage befindet sich einer der 2 Spots, an denen mir der Klang am besten gefällt. Der Sound ist an dieser Stelle, zu Beginn der großen Halle leicht versetzt, dass heißt man hat den Effekt eines Raumhalls. Dadurch dass die Mitten und Höhen derart präzise wieder gegeben werden, hab ich das Gefühl, dass die Snares/Hats ein Schwert sind, das die Luft durchtrennt. Es klingt extrem sauber. Der Bass umhüllt mich nicht nur, wie sehr oft beschrieben, ich fühle, dass er von außen in mich rein und dann wieder aus meinem inneren in den Raum hinein prescht und flutet. Tiefes Gefühl der Befriedigung.

11 Uhr: Erster Gang zur Bar auf dem Berghainfloor. Ich bin sehr fertig. Schließlich nehm ich keine Drogen. Wer Kaffee sucht, sollte gleich zur Panorama-Bar gehen. Ich setz mich hin und gucke nach den Leuten, die dort schaukeln, sitzen oder vorbei gehen. Immer noch viel Nacktheit, äußerlich. Denn mich beschleicht das Gefühl eines Showcharakters in dem Verhalten vieler. Ist das ein erster negativer Kritikpunkt? Ich weiß es nicht. Ich mein Berlin ist krass, unendlich viele Menschen, bleibt da noch Platz dafür, sein inneres zu zeigen? Verletzlichkeit? Zum Einen genieß ich diese Freizügig- und Ausgelassenheit. Andererseits fühl ich Einsamkeit unter Vielen. Es ist nicht so, wie das im IfZ ist, man guckt wen im Chillout-Floor an wonach man gleich ein Gespräch führt. (Übertreibung) Im Berghain geht es exzentrisch zu. Schauspiel ist ein guter Begriff dafür. Schauspiel im Alltag ist toll, was sollte ich also daran negativ finden? Schauspiel bringt Freiheit, das hat in ähnlicher Form bereits Schiller geschrieben.

Der nächste Step führt mich zum Darkroom auf der gegenüberliegenden Seite. Der Geruch von Urin durchflutet meine Nase, dabei bin ich noch nicht mal drin. Im verwinkelten Raum wird der Geruch strenger und mischt sich mit Noten männlicher Nacktheit. Unmengen von Taschentüchern (vermutlich voll mit Wichse) liegen auf dem Boden. Es muss so gegen 12 Mittags sein und es ist nicht viel los. In einem Raumabschnitt wird ein Schwanz geblasen. Ein paar Ecken weiter wartet ein dunkler Schatten auf einer hängenden Liege. Der strenge Mix zwischen Urin, Sperma, Schweiß und Genitalgeruch erzeugt in mir kein Klima der Lust. Dennoch ist es aufregend, dass es diesen Platzt im Berghain gibt.

Anschließend geht es zur Panorama Bar ein Stockwerk weiter oben. Anders als im Berghainflloor kommt hier Licht von Draußen rein. Angesichts meiner Begeisterung für das „Draußen-Nacht“- Konzept kommt es mir störend vor. Es ist aber schön für den, der raus aus der Geisterwelt der Nacht will. Es werde Licht! Die Panorama-Bar bringt Licht ins Dunkle. Musikalisch auch. Ein „aufheiternderer“ Kontrast zum Berghainsound vollführt sich hier. Es kommt housig oder electromäßig zur Auflösung der Spannung, welche im Berghainflloor durch den straighten, düsteren Technosound entsteht. Afterhourflair eben.

Diese Bipolarität ist interessant. Denn das Panorama-Bar Publikum unterscheidet sich rein äußerlich betrachtet nicht zu denen, welche im Berghainfloor tanzen. Ganz anders ist es im Tresor-Globus-Kontrast. Dort kann man unterscheiden zwischen „straighten Techno-Keller-Tresor-Flair“ und „poppigen, kommerzen, Schick-Miki/Berlin-Prollo Minimal-Techno-Globus-Stil“.

(Anmerkung: Das Tresor hat unten im Keller den Tresor-Floor, den ich ziemlich geil finde, Im oberen Teil allerdings ist der Globus, der so wirkt als wäre man in einer dieser Privatfernsehen Soaps a´la „Berlin Mitten Drin“) Zum Glück ist es im Berghain und Panorama-Bar anders.

Weil ich noch keine Spannungsauflösung will, geh ich wieder runter in den Berghainflloor. Inzwischen kann ich nicht mehr tanzen. Trotzdem wage ich es noch mal und finde mich auf der Seite des Darkroomeinganges zwischen den dortigen zwei Türmen der Anlage wieder. Dort ist akustisch gesehen der zweite beste Standpunkt für mich im Berghain. Ich will aber in die Mitte. Bald befinde ich mich in einem ekstatischen Tanz wieder, wie selten. Nach einer Stunde: Kraftreserven over! Meine verbleibende Zeit im Berghain werde ich stehend oder sitzend verbringen. Es ist gegen 15 Uhr. Also noch 5 Stunden.

Harndrang. Vor den Uni-Sex Klos ist eine lange Schlange. „Wartet ihr alle fürs Klo?“ frag ich einen. „Gibt es noch andere Klos hier?“. „Ich muss pinkeln“. „Ach so, du wartest nicht, um Drogen zu nehmen.“, Ich werde verwiesen auf eine Stehpinkelanlage im anderen Ende des Raumes. Dankbar beweg mich dort hin. Gerade, während ich anfange, kniet neben mir einer nieder und ein anderer pinkelt ihm in dem Mund. Er schluckt alles hinter. Ich stell mich ein wenig weg, um nichts abzubekommen. Mein Freund, der vorher im Tresor aufgelegt hat kennt den Sachverhalt. Seit ins Berghain geht (von 2010 an) sieht er Natursekt-Empfänger regelmäßig (soll heißen: immer) dort Stunden für Stunden bei seinem Fetisch, Urin von fremden Männern on mass zu trinken. Schön, dass es solch Orte für Menschen mit dieser Leidenschaft gibt. Ist es aber nicht gesundheitsgefährdend, seinen Magen mit derart viel Urin zu füllen? Dann auch noch von Menschen mit allen möglichen Krankheiten? Alle Mal ist es ein kostenloser Weg, seinen Organismus mit solchen Drogen zu bereichern, welche im Urin Eins Zu Eins wieder ausgeschieden werden.

Gleich beginnt Dorsiburg in der Panorama-Bar sein Live-Set. Ich hab letztens eine Platte von ihm gekauft und will dort hin. Ich kann nicht mehr und möchte schlafen. Aber das Berghain zu verlassen kommt für mich noch nicht in Frage. An der Panorama-Bar gibt es Kaffee, wovon ich Gebrauch mache. Dann geht´s zum Pult. Ich will sehn, mit welchen Geräten er spielt. Das erste Mal hab ich das Gefühl, dass mich die Leute komisch angucken, weil ich nicht tanze. Das find ich unangenehm. Ich hab auch kein Lächeln mehr im Gesicht. In der Hälfte des Sets geh ich wieder runter in den Berghainfloor. Diesmal rechts vorne. Dort tummeln sich ein paar Acts und Freunde von Acts, die gerade dort auflegen und ich über paar Ecken kennengelernt habe. Ich bin etwas apathisch. Mal an der Bar und dann wieder stehend oder sitzend am Rand der Soundanlage. Ich will das Set hören und den Klang. Immer wieder treffen mich skeptische Blicke von Anderen, weil ich nicht tanze. Beim Techno sollte das egal sein, ob man lächelt, sitzt, steht oder tanzt. Nun find ich es heraus: Vorhin hab ich geschrieben, das Schauspiel im Alltag schön ist. Aber gezwungenes Schauspiel kann falsch sein. Mag sein, das viele tanzen, weil sie sehr große Lust verspüren und Technomenschen sind. Was wäre nun aber, wenn viele nur denken, tanzen zu müssen, um ein Teil der Szene zu sein? Das, klingt vielleicht nach einem Urteil, dass zu schnell gemacht wurde. Deshalb bin ich mir noch nicht so sicher. Die Musik ist extrem gut, warum sollten da nicht alle tanzen, warum sollten da nicht alle lächeln? Ich bin lange in der elektronischen Musikszene zu Gange. Früher mehr im Freetekno-Bereich, seit einiger Zeit mehr in der Technoszene. Das gefühlt alle tanzten und lächelten, dass hab ich noch nicht erlebt als Gast. „Der Club in dem nur die Tanzenden gesehn werden!“ Immer wieder werd ich komisch angeguckt, weil ich nicht tanze. Trotzdem genieße ich den Sound, warum darf ich nicht einfach neben der Box stehen mit Blick auf den Act?

Draußen wird es wieder dunkel. Das verrät mir die Zeit. Meine Bauchmuskulatur verkrampft sich und ich kann nicht mehr stehen. Ich setz mich an die Bar im Berghainflloor. Ich bin ganz still in meiner Art und Weise des Agierens. Der Barkeeper spricht mich an. Er ist ganz froh darüber, dass ich einer der wenigen Gäste bin, die mal ruhig und entspannt da sitzen und nicht so, wie die Meisten völlig überdreht handeln. Er meint, dass er seit 2013 im Berghain an der Bar tätig ist und es früher entspannter mit den Menschen zuging. Ich berichte ihn von meinem Eindruck, dass ich komisch angeguckt würde, weil ich nicht tanzte. Er sagt, das es damals lockerer gewesen sei, dass man nicht tanzen musste, dass es egal, war, was man an hatte, wie man guckte etc. Zu dem findet er es schade, dass es heute nen Mainstreem Kleidungsstil gäbe, den es damals so noch nicht gab. Gothic-Mäßig schwarz. Es liegt nicht an mir, lächelt er mir zu. „Schön, dass du dich nicht zwangsanpasst.“ Ich muss sagen, dass mich das ziemlich aufbaut, weil ich mich inzwischen ein wenig depressiv fühle.

Gegen 22 Uhr nach einer 20 Stündigen Technonacht (ohne Drogen) beschließe ich zu gehen. Heraus aus dem Sammelpunkt der gefühlten kosmopolitischen Szene Berlins. Ich fahre mit der S-Bahn nach Hause. Bei vielen Menschen in der S-Bahn bemerke ich Verhaltensauffälligkeiten. Ein Mann mit einer gekrümmten Hand, leicht zerfledderten Klamotten und Bollerwagen sortiert Messer und Gabeln. Vermutlich versucht er sein Lebensunterhalt im Verkauf der selben zu stemmen. Ich seh ihm zu. Der Mann tut mir leid und ich bin den Tränen nah. Mitten in Berlin arm und gesundheitliche Probleme zu bekommen muss total schwer sein, weil sich kaum wer um den anderen kümmert. Ich gucke nach den Menschen, die daneben sitzen: Die meisten blicken nach unten oder in ihr Smartphone. Ich würdige den Bestecksortierer wenigsten damit, dass ich ihm zuseh, dass er von der Welt nicht vergessen wird. Ich bin froh, dass ich in Leipzig wohne denk ich mir. Gerade nun, während ich diese Geschichte in Leipzig nieder schreibe, verpür ich den Wunsch wieder an diesen Ort zurück zu gehen, ins Berghain nach Berlin.

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